siehe auch aktualisiertes Dokument: Nachhaltiger Hochwasserschutz in Gierath und Gronau


Wie in der Jahreshauptversammlung erläutert stellt der Bürgerverein einen Antrag im Ausschuss für Anregungen und Beschwerden am 25.05.2022.

von Jürgen Schlößer

Hier werden alle Erkenntnisse, Schlussfolgerungen und Vorschläge aus dem Starkregenereignis vom 14. Juli 2021 zusammengefasst. Im Kern geht es um eine Verbesserung des Hochwasserschutzes in Gierath und Gronau sowie einen nachhaltigen Umgang mit Oberflächenwasser aus zukünftigen Starkregenereignissen.

Erkenntnisse

Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Kieppemühle

Das HRB Kieppemühle ist am 14. Juli an Kapazitätsgrenzen gekommen. Die für einen solchen Fall vorgesehen Mechanismen zur Vermeidung einer Beschädigung des HRB haben nach unserem Kenntnisstand wie vorgesehen funktioniert. Diese „Notöffnung“ führte in kurzer Zeit zu den Überflutungen im den Stadtteilen Gierath und Gronau. Bis zu dieser Notöffnung wurde die maximal mögliche Wassermenge für Unterlieger „Schad frei“ in die Strunde abgeleitet.

Durch die Insolvenz der Firma Roplasto ergibt sich die Option ein an das HRB angrenzende Gelände zu übernehmen und als zusätzliches Retentionsvolumen zu integrieren.

Im Rahmen des Projektes „Strunde hoch vier“ ist die Erstellung eines Abschlages vom HRB Kieppemühle in den RRK geplant. Dieser neue Abschlag, der mit dem existierenden Bauwerk am Dännekamp integriert werden soll, erfordert hohe Investitionen. Nach aktueller Planung wäre der Baubeginn frühestens 2027.

Rechtsrheinischer Randkanal (RRK) & HRB Diepeschrath

Am 14. Juli wurde im RRK für einige Stunden das Kapazitätslimit erreicht. Die wesentlichen Folgen waren nach unserem Kenntnisstand Probleme bei der Einleitung des Klärwerkes Beningsfeld, das Überlaufen des HRB Diepeschrath, sowie „aufgedrückte“ RRK Kanaldeckel im Bereich des Haus Haan in Köln Dünnwald auf. Nach Erkenntnissen einer Bürgerinitiative in Dünnwald war das Überlaufen des HRB Diepeschrath maßgeblich verantwortlich für die Flutschäden an ca. 120 Objekten.

In direkter Konsequenz haben die zuständigen Verwaltungen eine detaillierte Untersuchung des Einfluss von Starkregenereignissen auf den RRK inklusive aller Einleitungen und Speicherkapazitäten geplant. Ein mögliches Ergebnis wäre, dass der geplante Abschlag vom HRB Kiepemühle in den RRK nicht oder nur mit reduzierter Kapazität realisiert werden kann.

Eine Dünnwalder Bürgerinitiative zum Hochwasserschutz schlägt die Erschließung von drei zusätzlichen Retentionsareale in der Nähe des HRB Diepeschrath vor und fordert zudem eine Reduzierung der RRK Nutzung auf den Planwert von 1995.

Lokale Retention & Renaturierung

Neben der Abführung von Regenwasser durch spezielle Kanalsysteme wie den RRK, einer Zwischenspeicherung in dedizierten Retentionsbecken wie den HRB Kieppemühle und individuellem Objektschutz wird lokale Retention als weiterer Lösungsansatz immer bedeutender.

Aktuell wird in vielen Städten über das „Schwammstadt“ Konzept diskutiert. Das wesentliche Ziel dieses Ansatzes ist Regenwasser in stark versiegelten urbanen Arealen für spätere Nutzung oder Versickerung zurückzuhalten und in Konsequenz den Bedarf an Kanalkapazität zu reduzieren. Dabei kann dieser Ansatz bei der Bewältigung von zwei Klimawandelfolgen unterstützen, sowohl bei Starkregenereignissen als auch den zunehmend intensiveren Trockenphasen.

Anders als z.B. beim Frankenforstbach gibt es an der Strunde noch letzte Optionen für lokale Retention und Versickerung. Diese müssen in Anbetracht des sich beschleunigenden Klimawandels genutzt werden, auch wenn diese Flächen nur einen Teil der zu erwartenden Wassermengen aus Starkregenereignissen aufnehmen können.

Das Naturschutzgebiet (NSG) Kradepohlsmühle wäre mit entsprechender Eindeichung als lokale Retentionsfläche geeignet.

Die Schlodderdeichswiese und der Thielenbrucher Wald wären auf Grund der Höhensituation ebenfalls als Retentionsflächen geeignet. Für die Schlodderdeichswiese würde sich parallel zur Retentionsfunktion auch eine ökologische Aufwertung durch Nutzung als zusätzlicher Strahlursprung der Strunde sowie einer Erhöhung der Biodiversität (z.B. Wildbienen) über entsprechende Geländemodellierungs- und Pflanzmaßnahmen anbieten.

Gemäß EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) sollen (Fließ-)Gewässer europaweit bis zum Jahre 2027 in einen guten ökologischen Zustand (zurück-) versetzt werden. An der Strunde bietet sich eine Option an im Sinne dieser Richtlinie zu handeln und mögliche Straf- oder Kompensationszahlungen zu reduzieren oder zu vermeiden. Die Biotopvernetzung der gesetzlichen geschützten Bergischen Heidetrasse würde ebenfalls in der jetzigen Form erhalten bleiben.

Des Weiteren möchten wir eine Prüfung der Nutzbarkeit des Gierather Waldes für lokale Retention und Versickerung von Wasser aus dem HRB Kieppemühle anregen. Bedingt durch die Erweiterung der Firma Krüger ist der Wasserzulauf zu diesem Waldgebiet deutlich reduziert worden. Der zentrale ehemalige Löschteich trocknet seit einigen Jahren im Sommer aus. Eine „Eindeichung“ größerer Waldbereiche durch Erhöhung von Waldwegen könnte zum Beispiel ein Ansatz sein, um Retentionspotentiale zu erschließen. Der Gierather Wald war früher ein Sumpfgebiet, welches durch Entwässerungsgräben trockengelegt wurde.

Weitere positive Aspekte von lokaler Versickerung sind eine Verbesserung der Grundwasserbildung sowie des Mikroklimas, z.B. Kühleffekte durch Verdunstung.

Erweiterung Psychosomatische Klinik (PSK)

Nach unserem Kenntnisstand denkt die PSK bereits über Alternativen nach, wie z.B. den Weiterbetrieb des zweiten Standortes in Wermelskirchen-Dabringhausen. Unabhängig davon hat das EVK Bergisch Gladbach angeboten die dringend benötigten Intensivkapazitäten aufzubauen. Die Umsetzung dieser neuen Option würde die Wirtschaftlichkeit der EVK verbessern sowie eine klinisch integrierte Versorgung von akut suchtkranken Menschen ermöglichen. Es gibt zudem Optionen in Bergisch Gladbach auf bereits versiegelten Gebieten (z.B. Wachendorf Gelände oder Zanders Areal).

Aus Sicht des Bürgervereines sind Vorteile aus betriebswirtschaftlichen Synergien abzuwägen gegen eine Verbesserung des Hochwasserschutzes sowie nachhaltiger Grünflächennutzung.

Vorschlag

Aus der Basis des Bürgerdialoges zum Thema Starkregen vom 27. Oktober, sowie Diskussionen mit Verwaltung, Bürgern und weiteren Initiativen wurde folgender Vorschlag entwickelt:

Erhöhung der Strunde-Kapazität zwischen HRB Kieppemühle und Überlauf in den RRK am Abschlag Dännekamp auf 30 m3/s um eine Notöffnung des HRB bei einem vergleichbaren Starkregenereignis möglichst lange hinauszuzögern bzw. im Idealfall zu vermeiden. Nutzung der beschriebenen lokalen Retentionspotentiale.

Die wesentliche Elemente dieses Vorschlages sind:

  • Erweiterung des HRB Kieppemühle über einen Teil des Roplasto Betriebsgeländes
  • Eindeichung bzw. Verbreiterung der Strunde zwischen HRB und Abschlag Dännekamp. Im NSG Kradepohlsmühle sollte diese Eindeichung naturschutzkonform und am Rande des Geländes geführt werden, um lokale Retentionskapazitäten optimal zu nutzen.
  • Erweiterung der Durchlasskapazitäten an der Gierather Straße. Zwei Anwohner haben bereits signalisiert einen solchen Umbau zu unterstützen.
  • Reduktion der Kapazität des RRK Abschlag Dännekamp in Abhängigkeit von den realisierbaren lokalen Retentionskapazitäten.
  • Integrierte Nutzung der Schlodderdeichswiese als Strahlursprung und Retentionsareal für die Strunde.
  • Kapazitätserhöhung der PSK ohne Bebauung der Schlodderdeichswiese

Es ist unstrittig, dass die Klimafolgenkosten bereits heute schon sehr hoch sind und weiter steigen werden. Die Flutkatastrophe 2021 im Westen Deutschlands hat dies nochmals sehr deutlich gemacht.

Wir haben Verständnis für die Mitwirkungspflicht der Bürger, z.B. in Form von privat finanziertem Objektschutz, und sehen auch die Grenzen der Verantwortlichkeit der öffentlichen Hand. Wir sehen allerdings auch die Ängste der Bürger vor einem erneuten Hochwasser mit allen Folgen wie z.B. der hohen physischen und psychischen Belastung, dem Verlust von Versicherungsschutz und natürlich schlichtweg auch Kapitalmangel, um teuren Objektschutz zu finanzieren. Hier muss eine ausgewogene Balance gefunden werden.

Die bisherige Strategie den von den Wasserverbänden verantworteten Hochwasserschutz nur für das hundertjährige oder fünfzigjährige Hochwasser (HQ-100 bzw. HQ-50) auszulegen muss angepasst werden. Diese auf historischen Daten basierenden Kennwerte verlieren im Rahmen des Klimawandels an Relevanz. Ein hundertjähriges Extremwetterereignis kann heute oder in naher Zukunft bereits ein zehnjähriges Ereignis sein.

Aus Sicht des Bürgervereines bietet sich hier eine Strategie mit diversen über eine fachliche und strategische Bewertung noch zu bestätigenden Vorteilen an:

  • Ein Verzicht auf den mit „Strunde hoch vier“ geplanten zusätzlichen Abschlag zum Randkanal sollte substanziell finanzielle und personelle Ressourcen freisetzen.
  • Über eine priorisierte Realisierung in Phasen ein relativ zeitnahe Verbesserung des Hochwasserschutzes in Gierath und Gronau.
  • Reduzierte Nutzung des Rechtsrheinischer Randkanales, um Auswirkungen von Starkregenereignissen z.B. für Anwohner in Dünnwald und Höhenhaus zu reduzieren.
  • Erhaltung waldnaher Flächen sowie Nutzung lokaler Retentionsflächen mit Vorteilen für Grundwasser und Mikroklima.
  • Erhöhung der Biodiversität durch ökologische Aufwertungen (z.B. Strahlursprung Strunde)
  • Verbesserte Konformität mit diversen ökologischen Richt- und Leitlinien (z.B. WRRL).
  • Große Akzeptanz und Unterstützung der Bürger in Gierath und Gronau.
  • Pilot Projekt für natürlichen Umweltschutz

Als Nachteile sehen wir bei diesem diversifizierten Ansatz die sicherlich höheren Aufwände für Abstimmungen, Planungen, Freigaben sowie Budgetbeschaffung. Die Betriebsaufwände werden wahrscheinlich auch höher sein im Vergleich zu einer Lösung, die rein auf einem zusätzlichem Abschlag zum RRK basiert.

Forderung

Der Bürgerverein bittet um eine vorbehaltsfreie Prüfung dieses Vorschlages. Bei positiver Bewertung soll dieses Vorhaben in die Hochwasser Risikomanagement Pläne aufgenommen werden.

Bis zum Abschluss dieser Untersuchung soll der Vorhabenbezogene Bebauungsplan (VBP) 2496 gestoppt und die PSK aufgefordert werden Alternativen zu untersuchen. Die Option, zusätzliche Intensivpflege Kapazität durch das EVK bereitzustellen, sollte in diesem Kontext ebenfalls bewertet werden.

Fazit

Der Bürgerverein bietet seine Unterstützung sowohl für vermittelnde als auch umsetzende Maßnahmen an. Wir schlagen die Etablierung eines Arbeitskreis zwischen Bürgern und Vertretern der Verwaltung vor.

Ökologische Nachhaltigkeit muss ein führendes Entscheidungskriterium bei allen größeren öffentlichen und auch privatwirtschaftlichen Vorhaben werden. Der Klimawandel zwingt zu schnellen strategischen Neuorientierungen in allen Bereichen. Ein „weiter wie bisher“ geht nicht mehr! In Anbetracht der immer dramatischeren Auswirkungen des weltweiten Klimawandels darf es keine Tabus mehr geben.

Mit freundlichen Grüßen
Vorstand Bürgerverein Gierath-Schlodderdich e.V.

Die Erläuterungen als PDF


Hier der Antrag:

BA_zum_Hochwasserschutz_in_Gierath_und_Schlodderdich

Tagesordnungspunkt


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